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Was hat Verlustangst in Südkorea mit Arbeitsethos zu tun?

  • Autorenbild: Koreaboo Detox
    Koreaboo Detox
  • 21. Dez. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Nicht wenige Europäer, in deren Ländern über Jahrzehnte ein Ausgleich geschaffen wurde aus Arbeitszeit und Freizeit, können sich eine Aufgabe ihrer Privilegien vorstellen, nur um in Korea leben zu können. Es gibt dabei mehrere Aspekte, die in Bezug auf das fortschrittliche Südkorea ausgeblendet werden.


  • Das koreanische System generiert Wertschöpfungen seit Jahrzehnten durch die systematische Ausbeutung von Arbeitern und Firmenangestellten.

  • Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen für dieselbe Arbeit ist innerhalb der OSZE-Staaten der höchste mit 26%.

  • Es herrscht ein starker Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt wodurch die Arbeitgeber nicht angehalten sind Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten.


    Was für die Einen erstrebenswert ist, ist für andere ein Albtraum.                             credits: rawkkim - unsplash
    Was für die Einen erstrebenswert ist, ist für andere ein Albtraum. credits: rawkkim - unsplash

Die Arbeitszeitregelung in Südkorea und deren gelebte Praxis zeigen eine deutliche Kluft zwischen gesetzlichen Vorgaben und realen Bedingungen. Während die Regierung Maßnahmen ergriffen hat, um Arbeitszeiten zu begrenzen und die Work-Life-Balance zu fördern, bleibt die Umsetzung vielerorts eine Herausforderung.

Die maximale gesetzliche Arbeitszeit beträgt in Südkorea 52 Stunden pro Woche: 40 Stunden reguläre Arbeitszeit plus maximal 12 Überstunden. Diese Regelung wurde 2018 eingeführt, um die zuvor erlaubte Höchstarbeitszeit von 68 Stunden pro Woche zu reduzieren. Arbeitgeber müssen Überstunden und Nachtarbeit mit einem Lohnzuschlag von 50 bis 100 % vergüten. Zudem sind für Nachtarbeit (22:00 bis 06:00 Uhr) und Arbeit an Feiertagen zusätzliche Zuschläge vorgesehen.

Arbeitnehmer haben Anspruch auf mindestens 15 bezahlte Urlaubstage nach dem ersten Beschäftigungsjahr. Nach zwei Jahren Beschäftigung kommt ein zusätzlicher Urlaubstag hinzu, bis zu einem Maximum von 25 Tagen. Darüber hinaus gibt es jährlich etwa 12 bis 16 gesetzliche Feiertage, abhängig vom Kalender.

Südkoreaner arbeiten im Durchschnitt deutlich länger als viele ihrer Kollegen in anderen Industrieländern. Im Jahr 2021 betrug die durchschnittliche Jahresarbeitszeit in Südkorea etwa 1.915 Stunden. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Zeitraum rund 1.349 Stunden.

Noch vor wenigen Jahren führte Südkorea die OECD-Liste mit den längsten Arbeitszeiten an. Trotz der Einführung der 52-Stunden-Regel arbeiten viele Beschäftigte regelmäßig Überstunden. In einigen Branchen, wie der IT, Fertigung oder Finanzdienstleistung, sind Wochenarbeitszeiten von 60 Stunden und mehr keine Seltenheit.

Die Arbeitskultur in Südkorea ist stark von traditionellen Werten wie Teamgeist, Hierarchie und Loyalität geprägt. Viele Unternehmen erwarten, dass Mitarbeiter ihre persönliche Zeit opfern, um Überstunden zu leisten oder an informellen Teamtreffen, den sogenannten hwe-sik (Firmenessen), teilzunehmen.

Das Konzept der nunchi (soziale Achtsamkeit) führt dazu, dass Mitarbeiter sich oft verpflichtet fühlen, länger zu bleiben, solange ihre Vorgesetzten noch im Büro sind. Dies verstärkt die ohnehin langen Arbeitszeiten und erschwert es Arbeitnehmern, ihren gesetzlichen Urlaubsanspruch vollständig zu nutzen. Studien zeigen, dass etwa 40 % der Arbeitnehmer ihren Jahresurlaub nur teilweise oder gar nicht in Anspruch nehmen.

Die langen Arbeitszeiten haben erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeitnehmer. Stressbedingte Erkrankungen, Burnout und psychische Probleme sind weit verbreitet. Die sogenannte karoshi-Problematik (Tod durch Überarbeitung) ist auch in Südkorea ein ernstes Thema. Eine Studie der WHO zeigte, dass Südkorea eines der Länder mit der höchsten Sterberate aufgrund langer Arbeitszeiten ist.

Zudem wirkt sich die Arbeitskultur negativ auf die Geburtenrate aus, die in Südkorea mit 0,78 Kindern pro Frau (2022) weltweit am niedrigsten ist. Viele junge Menschen schieben Heirat und Familiengründung hinaus, da sie ihre Arbeitsbelastung und mangelnde Work-Life-Balance als Hindernis empfinden.

Die Regierung versucht, durch Reformen wie der Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle und Homeoffice-Lösungen eine Verbesserung herbeizuführen. Jedoch gibt es noch immer große Unterschiede zwischen kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) und großen Konzernen. Während Letztere mehr Ressourcen für die Einhaltung von Arbeitsgesetzen und die Förderung der Work-Life-Balance bereitstellen können, bleibt dies bei KMUs oft unrealistisch.

Die geplante Anhebung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 69 Stunden sorgte 2023 für heftige Kontroversen. Kritiker argumentieren, dass eine solche Regelung die bereits bestehenden Probleme wie Überarbeitung und gesundheitliche Belastungen noch verschärfen würde. Befürworter sehen darin jedoch eine Möglichkeit, Flexibilität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu schaffen.

Trotz der gesetzlichen Fortschritte und gesellschaftlichen Debatten bleibt die Diskrepanz zwischen den rechtlichen Vorgaben und der gelebten Praxis in Südkorea ein großes Problem. Die südkoreanische Gesellschaft steht vor der Herausforderung, tief verwurzelte kulturelle Normen zu ändern und gleichzeitig die Produktivität in einem wettbewerbsintensiven globalen Umfeld zu erhalten.

Langfristig wird der Erfolg solcher Maßnahmen davon abhängen, wie Unternehmen und Arbeitnehmer gemeinsam eine Arbeitskultur schaffen können, die Produktivität und Wohlbefinden gleichermaßen berücksichtigt.

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