HENDRIK HAMEL und die Unbequemlichkeit historischer Berichte
- Hendrik Hwang

- 24. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
Ein Preis wird umbenannt – was bleibt von Zeitzeugnissen, wenn Gegenwart urteilt?
Wäre die Begründung zur Umbenennung nicht so unwissenschaftlich ausgefallen, wäre mir der Vorgang nicht wichtig gewesen. So allerdings gibt es Anlass genauer hinzuschauen.
Im Juni 2025 beschloss die Association for Korean Studies in Europe (AKSE), den renommierten Hendrik-Hamel-Preis umzubenennen. Die Auszeichnung, die über Jahre hinweg herausragende Arbeiten zur koreanischen Kulturgeschichte gewürdigt hatte, heißt nun schlicht „AKSE Prize for Korean Studies in Europe“. Begründet wurde die Entscheidung mit dem Wunsch, ein Zeichen gegen eurozentrische Deutungsmuster zu setzen – Hamel, so der Vorwurf, habe in seinem Bericht über Korea aus dem Jahr 1668 ein abwertendes und stereotypes Bild gezeichnet. Oft zitiert wird insbesondere sein Satz, Koreaner seien „geschickt im Lügen und Stehlen“.
Diese Aussage mag problematisch wirken. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich die Umbenennung nicht nur als vorschnell, sondern als exemplarisch für einen gegenwärtigen Trend in der Wissenschaft: den Verlust historischer Differenzierung zugunsten moralischer Symbolik.
Ein Gefangener, kein Kolonialist
Wer war Hendrik Hamel? Sicher kein Vertreter kolonialer Machtinteressen. Er war Schiffsoffizier der niederländischen „Sperwer“ (Der Sperber), die 1653 auf dem Weg nach Japan, an der südkoreanischen Küste, nahe der Insel Jejudo zerschellte. Die 64 überlebenden Matrosen wurden vom konfuzianisch regierten Joseon-Staat festgesetzt und durften das Land 13 Jahre lang nicht verlassen. Ganze acht Matrosen, unter ihnen Hamel, konnten die Gefangenschaft überstehen. Heute, wenn wir denn eine moderne Sicht bemühen wollen, würde man diese Praxis als eine schwere Form der Freiheitsberaubung bezeichnen.

Nach seiner Flucht verfasste Hamel in den Niederlanden einen Bericht, der erstmals systematisch über das bislang weitgehend unbekannte Korea informierte. Darin beschrieb er Verwaltung, Gesellschaftsordnung, Justiz, Religion, Alltag und Sprache – oft staunend, manchmal kritisch, selten mit Verachtung. Was dabei häufig übersehen wird: Dreizehn Jahre Gefangenschaft im 17. Jahrhundert entsprachen nahezu der Hälfte einer durchschnittlichen Lebenserwartung. Hamels Beobachtungen sind keine kolonialen Feldnotizen, sondern das Ergebnis einer existenziellen Erfahrung – eines radikalen biografischen Einschnitts, eines Lebens im Zustand kultureller und persönlicher Enteignung.

Was heißt „eurozentrisch“ in einem isolierten Reich? Symbolpolitik statt historischer Einordnung
Im 17. Jahrhundert war Korea ein zutiefst nach innen gewandter Staat. Außenkontakte galten als Bedrohung. Dass ein gestrandeter Europäer kulturelle Differenz in Sprache, Sitten oder Recht als befremdlich wahrnahm, ist wenig verwunderlich. Ihm dafür im 21. Jahrhundert einen ideologischen Stempel aufzudrücken, wirkt nicht nur anachronistisch – es verkennt die asymmetrischen Rahmenbedingungen, unter denen dieser Bericht entstand. Zudem stellt sich eine grundlegende Frage: Kann jemand, der selbst strukturell entrechtet war, der unter Restriktion, Überwachung und kultureller Fremdheit lebte, überhaupt in sinnvoller Weise als Vertreter eurozentrischer Dominanz gelten?
Zwischen Vorwurf und Realität: Die verwestlichte Moderne
Ein besonders auffälliger Widerspruch bleibt dabei weitgehend unerörtert: Die Kritik an Hamels „Verwestlichungsperspektive“ kommt heute aus einem Südkorea, das sich seit dem späten 19. Jahrhundert selbst tiefgreifend westlich transformiert hat – nicht unter Zwang, sondern aus eigenem Antrieb.Das beginnt bei der Übernahme westlich geprägter Rechtssysteme, Verwaltungsstrukturen und Universitätsmodelle, reicht über die Rezeption europäischer Aufklärungsideen bis hin zur heutigen, stark anglophonen Wissenschaftskultur. Südkorea zählt heute zu den wirtschaftlich modernsten, technologisch avanciertesten und kulturell globalisierten Gesellschaften Asiens – und gerade in Bildung, Forschung und Staatsorganisation ist westlicher Strukturimport nicht die Ausnahme, sondern die Norm⁵.Vor diesem Hintergrund wirkt der Vorwurf an Hamel doppelt inkohärent: Zum einen, weil er keinerlei missionarische Agenda verfolgte, sondern lediglich beschrieb, was ihn umgab. Zum anderen, weil viele der Institutionen, die er damals als fremd, rigide oder unzugänglich erlebte, heute durch westliche Konzepte ersetzt oder überformt wurden. Wer also historische Fremdzuschreibungen moralisch problematisiert, aber gleichzeitig selbstverständlicher Teil eines westlich geprägten Denk- und Wissenschaftsraums ist, sollte sich der inneren Spannung dieses Arguments bewusst sein.
Wessen Gewalt darf erinnert werden?
Noch schwerer wiegt ein blinder Fleck der gegenwärtigen Debatte: Die strukturelle Gewalt, die Hamel und seinen Kameraden widerfuhr, wird kaum benannt. Die jahrelange Zwangsinternierung, das Verbot, das Land zu verlassen, die Kontrolle über ihre Bewegungsfreiheit – all das würde nach heutigen Maßstäben als gravierender Eingriff in die Menschenrechte gelten. Dass derjenige, der diese Realität dokumentierte, heute moralisch entwertet wird, während die verursachenden Verhältnisse unerwähnt bleiben, zeugt von einer bedenklichen Asymmetrie in der historischen Erinnerungspolitik⁶.

Ein Preis, ein Präzedenzfall
Die Umbenennung des Hendrik-Hamel-Preises wäre wahrscheinlich nicht einmal eine Randnotiz wert, denn jede Gesellschaft hat die Freiheit ihre Preise zu benennen, wie sie wünscht, stünde der Vorfall nicht sinnbildlich für einen größeren Trend: einer Wissenschaftskultur, in der Namen, Symbole und Narrative zunehmend unter moralischem Erwartungsdruck stehen. Dabei droht ein Umkippen von kritischer Aufarbeitung in rituelle Abwicklung. Besonders fragwürdig wird dieses Vorgehen, wenn es sich – wie im Fall Hamel – nicht gegen einen ambitionierten Deuter der Welt richtet, sondern gegen einen Mann, der überhaupt nie die Absicht hatte, fremde Kulturen zu interpretieren. Hamel wollte nicht forschen, nicht vergleichen, nicht missionieren. Er strandete. Und schrieb später auf, was er sah. Er wurde unfreiwillig und damit umso authentischer zum Zeitzeugen einer Ursprungskultur, auf die sich Korea in anderen Zusammenhängen gerne beruft. Gerade deshalb stellt sein Fall einen gefährlichen Präzedenzfall dar: Wenn selbst ein unfreiwilliger Zeuge, der unter struktureller Kontrolle und Isolation stand, heute nicht mehr erinnerungswürdig erscheint – welcher historische Akteur darf dann überhaupt noch berichten? Wer bleibt übrig, wenn selbst das Erleiden zur moralischen Anklage wird?
Wissenschaft braucht Widerspruch – nicht Zensur
Die Geschichte Hendrik Hamels ist unbequem. Sie lässt sich nicht auf eine Schuldformel reduzieren. Sie ist geprägt von Fremdheit, Beobachtung, Missverständnis – aber auch von Neugier, Beschreibung und Respekt. Genau das macht sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll. Wer ein solches Zeugnis moralisch disqualifiziert, ohne es als authentische Überlieferung einer spezifischen historischen Erfahrung zu begreifen, ersetzt die Auseinandersetzung mit Geschichte durch deren ideologische Umcodierung. Und das leider auf äußerst durchschaubare Weise hinsichtlich tieferer Motivationen.








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